Der unkopierbare Faktor – Teil 1: Warum Erfahrung und Intuition zur härtesten Währung der KI-Ära werden

Es war einer dieser Momente, in denen man gleichzeitig beeindruckt und zutiefst beunruhigt ist.

Vor mir auf dem Bildschirm leuchtete ein Strategiepapier. Zwanzig Seiten, makellos strukturiert, präzise formuliert, gespickt mit aktuellen Marktdaten. Ein junger Kollege aus meinem Netzwerk hatte es mir geschickt. Vor drei Jahren hätte diese Arbeit eine Woche intensiver Recherche gekostet. Er hatte es in zwei Stunden „erstellt“.

Ich las die erste Seite. Ich nickte. Die Logik war wasserdicht. Die Grammatik perfekt. Es gab keinen einzigen Fehler, den ich hätte anstreichen können.
Und doch spürte ich diesen Widerstand in mir. Ein diffuses Gefühl, das ich nicht sofort benennen konnte.
Ich las weiter, und dann traf es mich. Es war wie der Biss in das dekorative Obst in der Auslage eines teuren Möbelhauses. Es sieht perfekter aus als jeder echte Apfel. Es glänzt im richtigen Licht. Es hat keine Dellen, keine braunen Stellen. Aber wenn man hineinbeißt, schmeckt man: Nichts.

Es war tot.

Was ich da las, war das Ergebnis einer „Inflation der Exzellenz“. Wir leben in einer Zeit, in der der Durchschnitt plötzlich Weltklasse aussieht. Dank KI ist Eloquenz keine Kunst mehr, sondern ein Commodity. Logik ist keine Errungenschaft mehr, sondern ein Knopfdruck. Wir werden überflutet mit Antworten, Texten und Codes, die alle „richtig“ sind.

Aber wenn „richtig“ und „perfekt“ plötzlich kostenlos und unendlich verfügbar sind – was passiert dann mit ihrem Wert? Er fällt auf Null.

Wir stehen an einer historischen Schwelle. Die Ära des reinen „Wissensmanagements“ ist vorbei. Denn Faktenwissen ist gerade zur billigsten Ressource auf dem Planeten geworden. Pablo Picasso sah dies bereits vor Jahrzehnten voraus, als er sagte:

"Computer sind nutzlos. Sie können nur Antworten geben."

Das stellt uns heute vor die vielleicht gefährlichste Frage für jeden Unternehmer:

Wenn die KI jede Antwort geben kann – was ist dann noch die Aufgabe des Menschen?

Die Antwort liegt nicht mehr in der Produktion von Information. Sie liegt in der Bewertung der Wahrheit, im Erkennen des Kontextes und im Mut, die richtige Frage zu stellen. Sie liegt nicht in den Daten, sondern in der Erfahrung, die wir verkörpern.

Das Gesetz des Schweigens

Um zu verstehen, warum sich KI-generierte Arbeit oft so leer anfühlt – wie das Plastikobst in der Auslage –, müssen wir das Hier und Jetzt für einen Moment verlassen. Wir müssen einen Mann zu Rate ziehen, der schon 1966 sah, worauf wir zusteuern.

Inhalt

Der Zeuge aus der Vergangenheit

Michael Polanyi war kein IT-Visionär aus dem Silicon Valley. Er war Chemiker und Philosoph. Aber er formulierte einen Satz, der heute, fast 60 Jahre später, zum fundamentalen Gesetz der KI-Ära geworden ist:

"Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen."

Dieser Satz beschreibt das sogenannte Polanyi-Paradoxon. Es ist die frustrierende, aber auch wunderbare Tatsache, dass wahres menschliches Können oft sprachlos ist.

Versuch einmal, in einer E-Mail präzise zu erklären, wie man Fahrrad fährt. Du kannst über die Physik der Balance schreiben, über Fliehkräfte, Lenkwinkel und Pedaldruck. Du kannst die Regeln perfekt aufschreiben. Aber der Empfänger deiner E-Mail wird beim ersten Versuch trotzdem umfallen.

Warum? Weil das Wissen über das Fahrradfahren nicht in deinen Worten liegt. Es liegt in deinen Muskeln, in deinem Gleichgewichtssinn, in deiner unbewussten Reaktion auf den Wind. Du kannst es, aber du kannst es nicht sagen. Und genau hier liegt die unsichtbare Grenze der künstlichen Intelligenz.

Der Eisberg der Kompetenz

Stell dir das Wissen in deinem Unternehmen wie einen gigantischen Eisberg vor, der im dunklen Wasser treibt. Was wir sehen, und worauf wir uns im Management meistens konzentrieren, ist nur ein Bruchteil der Realität.

Die Spitze: Das Reich der expliziten Logik

Über der Wasserlinie liegt das Explizite Wissen. Es ist hell, klar und sichtbar. Es sind deine Prozesshandbücher, deine CRM-Datenbanken, die Excel-Tabellen und die sauber formulierten E-Mail-Vorlagen. Es ist das „Rezept“, das man abschreiben und weitergeben kann.

Dieser Teil ist kodifizierbar. Man kann ihn in Worte und Zahlen fassen. Und genau deshalb ist er das perfekte Futter für die künstliche Intelligenz. ChatGPT und Co. haben diesen Teil des Eisbergs bereits vollständig kartografiert.

Die KI beherrscht die Syntax deiner Verträge, die Logik deines Codes und die Struktur deiner Marketing-Texte besser als jeder Mensch. Wenn dein Wettbewerbsvorteil nur darin besteht, dass du bessere Checklisten hast oder schneller E-Mails formulierst, dann stehst du auf dünnem Eis. Denn wer nur die Spitze optimiert, optimiert das Banale.

Der Rumpf: Das dunkle Reich der Intuition

Doch unter der Wasseroberfläche liegt die eigentliche Masse. Hier, im Dunkeln und schwer fassbar, ruht das Implizite Wissen (Tacit Knowledge). Es ist das Wissen, das sich nicht in Handbücher pressen lässt.

Es ist das Gefühl eines erfahrenen Vertrieblers, der im Meeting spürt: „Jetzt den Mund halten. Der Kunde kauft gleich.“ Es ist das Gehör des Maschinenführers, der am feinen Vibrieren des Bodens merkt, dass Lager 3 bald heißläuft – lange bevor der digitale Sensor Alarm schlägt. Es ist Kontext. Es ist Muskelgedächtnis. Es ist das „Gespür“ für Timing und soziale Dynamik.

Die KI ist brillant darin, die Spitze des Eisbergs zu simulieren. Aber sie kann (noch) nicht tauchen. Sie hat keine „Welt“, sie hat nur Wort-Wahrscheinlichkeiten. Sie kennt das Rezept für Brot bis auf das Gramm genau, aber sie weiß nicht, wie es riecht, wenn die Kruste perfekt ist.

Die stille Schmelze

Warum erzähle ich dir das?

Weil ich beobachte, dass die meisten Unternehmen gerade einen fatalen Fehler begehen. Im Rausch der Digitalisierung versuchen wir krampfhaft, den Rumpf zu ignorieren, weil er schwer zu messen ist. Wir konzentrieren uns nur auf die Spitze. Wir optimieren Prozesse, wir automatisieren E-Mails, wir feiern die Effizienz.

Aber in Wahrheit schmelzen wir unseren eigenen Eisberg ab.

Wir sind dabei, das Einzige wegzurationalisieren, was uns von der Maschine unterscheidet: Die menschliche Reibung, aus der Erfahrung entsteht.

Das führt zu einer paradoxen Situation: In der alten Welt war der Mitarbeiter, der alles perfekt dokumentierte und in Prozesse goss, der Held. In der neuen Welt ist er oft der Erste, der automatisiert wird.

Aber der „Chaot“ – derjenige, der schlecht dokumentiert, der in kein Schema passt, aber der das Projekt rettet, wenn alles brennt – dieser Mitarbeiter wird plötzlich zu deinem wertvollsten Asset. Er ist der Magier, der Dinge sieht, die nicht in den Daten stehen.

Ich werde dir jetzt zeigen, warum wir diese Magier gerade systematisch verlieren – und warum wir Gefahr laufen, eine Generation von Mitarbeitern heranzuziehen, die zwar fantastische Antworten geben, aber verlernt haben, echte Probleme zu lösen.

Die Täuschung der Sicherheit

Wir wiegen uns in einer gefährlichen Sicherheit. Wenn wir sehen, wie ChatGPT in Sekundenbruchteilen komplexe Codes schreibt oder brillante Marketing-Konzepte entwirft, fallen wir auf eine Illusion herein. Wir denken: „Wenn die Maschine das Schwere kann, dann kann sie das Leichte erst recht.“

Wir gehen davon aus, dass Intelligenz linear ist. Wie bei einem Kind, das erst krabbeln, dann laufen und dann rennen lernt. Aber künstliche Intelligenz funktioniert nicht so. Und genau dieses Missverständnis ist der Grund, warum Unternehmen gerade blind in offene Messer laufen.

Ein Tanz auf der gezackten Grenze

Wissenschaftler der Harvard Business School nennen dieses Phänomen die „Jagged Frontier“ (die gezackte Grenze).

Stell dir die Fähigkeiten der KI nicht als einen runden, wachsenden Kreis vor, der alles umschließt. Stell sie dir als eine wild gezackte Küstenlinie vor. Auf der einen Seite gibt es Landzungen, die weit in das Meer der Unmöglichkeit ragen: Die KI schreibt dir ein Sonett im Stil von Shakespeare über deine Buchhaltung (eine Aufgabe, an der die meisten Menschen scheitern würden). Aber direkt daneben gibt es tiefe Buchten des Versagens: Dieselbe KI scheitert vielleicht an einer simplen logischen Schlussfolgerung oder erfindet eine Quelle, die es nicht gibt (eine Aufgabe, die jeder Praktikant lösen könnte).

Das Tückische ist: Du weißt nie, wo du gerade stehst.
Weil die KI das „Unmögliche“ (das Sonett) so brillant gelöst hat, vertraust du ihr blind. Dein kritisches Denken schaltet ab. Du denkst: „Wer so dichtet, macht keine Rechenfehler.“ Also lässt du sie die Bilanz prüfen. Und genau dort, in der Bucht des Versagens, halluziniert sie.

Wer kein tiefes Tacit Knowledge besitzt, wer den Kontext nicht spürt, der kann diese Grenze nicht sehen. Er stürzt ab, ohne zu merken, dass er gefallen ist.

Die Effizienz-Falle

Das führt uns zum Kernproblem, das tiefer liegt als jede Technologie. Es liegt in unserer Natur. Wir Menschen sind biologisch auf Energiesparen programmiert. Wenn wir eine Abkürzung sehen, nehmen wir sie. Und KI ist die verführerischste Abkürzung, die wir je gebaut haben.

Wir sind gerade dabei, einem fatalen Irrtum aufzusitzen: Wir verwechseln „Mühe“ mit „Zeitverschwendung“.

Wir glauben, dass jede Minute, in der wir über einem weißen Blatt Papier brüten, in der wir uns quälen, verwerfen und neu anfangen, „ineffizient“ ist. Wir wollen den Prozess eliminieren, um direkt zum Ergebnis zu kommen.

Aber zur Wahrheit gehört: Implizites Wissen entsteht nicht im Komfort. Es entsteht ausschließlich durch Reibung. Der Tech-Philosoph Naval Ravikant brachte es auf den Punkt:

"Spezifisches Wissen ist Wissen, für das man nicht ausgebildet werden kann. Wenn man dich dafür ausbilden kann, kann man dich auch ersetzen."

Dein Gehirn baut die entscheidenden neuronalen Verknüpfungen nicht dann auf, wenn die Lösung glatt läuft. Es baut sie genau in dem Moment auf, in dem du vor einer Wand stehst und dich zwingen musst, drüber zu klettern. Dieser Widerstand ist kein Fehler im System – er ist der Lehrmeister.

Es ist wie im Fitnessstudio: Wenn du einen Roboter die Hanteln heben lässt, bewegt sich das Gewicht zwar effizient nach oben – das „Ergebnis“ liegt vor. Aber dein Muskel wächst nicht.

Wenn wir KI nutzen, um diesen schmerzhaften Lernprozess systematisch zu überspringen, zahlen wir einen hohen Preis. Wir sind zwar schneller am Ziel. Aber wir kommen dort „dümmer“ an. Wir besitzen am Ende das Ergebnis (den Text, den Code, die Strategie), aber wir besitzen nicht mehr die Kompetenz, es selbst zu erschaffen.

Der schleichende Muskelschwund: Agency Decay

Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Agency Decay – den Verfall der Handlungsmacht.

Um es zu verstehen, denk an das „Google-Maps-Syndrom“. Früher hatten wir eine mentale Landkarte unserer Stadt im Kopf. Wir wussten, wie die Viertel verbunden sind. Heute folgen wir blind dem blauen Pfeil. Wir kommen effizient an, ja. Aber wenn der Akku leer ist oder das GPS ausfällt, sind wir nicht nur verlangsamt – wir sind hilflos. Wir finden nicht einmal mehr nach Hause.

Genau das passiert gerade in unseren Unternehmen.

Kurz erklärt

Agency Decay

Was ist es? Der schleichende psychologische Prozess, bei dem wir die Fähigkeit verlieren, Aufgaben selbstständig zu lösen, weil wir sie systematisch an externe Systeme (KI) delegieren.

Der Effekt: Es entsteht eine „Kompetenz-Illusion“. Wir fühlen uns produktiv, weil wir Ergebnisse haben (durch die KI), aber wir werden hilflos, weil wir sie nicht mehr erzeugen können.

Die Gefahr: Wer den Prozess der Problemlösung nicht mehr beherrscht, kann auch die Qualität der Lösung nicht mehr beurteilen. Er wird vom Piloten zum Passagier.

Wir züchten eine Generation von „Prompt-Junkies“. Mitarbeiter, die fantastische Ergebnisse abrufen können, aber den Weg dorthin nicht mehr beherrschen. Sie sind wie Piloten, die den Autopiloten bedienen können, aber keine Ahnung haben, wie man das Flugzeug bei Seitenwind manuell landet.

Das ist kein theoretisches Risiko. Das ist eine unternehmerische Zeitbombe.

Was passiert in deinem Team, wenn das Tool halluziniert? Wenn die KI eine plausible, aber falsche Strategie ausspuckt? Wer hat noch den „mentalen Muskel“, um zu sagen: „Stopp. Das sieht richtig aus, aber es widerspricht der Physik unseres Marktes“?

Wenn du niemanden mehr hast, der ohne Navi laufen kann, dann bist du nicht mehr der Pilot deines Unternehmens. Du bist nur noch Passagier.

Die neue Währung

Lass uns den Blick vom Einzelnen auf den Markt richten. Wir steuern auf eine Welt zu, die von synthetischem Content geflutet wird. E-Mails, Marketing-Kampagnen, Business-Pläne – in Kürze wird der Großteil davon nicht mehr von Menschen getippt, sondern generiert sein. Wie E.O. Wilson treffend bemerkte:

"Wir ertrinken in Informationen, aber hungern nach Weisheit."

Wir betreten den „Nebel der perfekten Information“. Alles klingt plausibel. Alles sieht professionell aus. Die Oberfläche ist makellos. In diesem Nebel explodiert der Wert einer einzigen Ressource: Wahrheit. Und Wahrheit erkennt man in der KI-Ära nur noch durch Kontext.

Der Veteranen-Effekt

In einer Welt voller brillanter Antworten ist die Fähigkeit, die falsche Antwort zu riechen, plötzlich die wichtigste Qualifikation in deinem Team.

Wer kann das? Nicht der Junior, der den besten Prompt schreibt. Sondern der „Veteran“, der das Tacit Knowledge besitzt.

Er ist derjenige, der auf den perfekten, KI-generierten Marketingplan schaut und sagt: „Die Daten stimmen. Die Logik stimmt. Aber wir machen es trotzdem nicht. Wir haben das 2010 bei diesem Kunden probiert – kulturell wird das explodieren.“

Das ist Kontext-Wissen. Die KI hat die Daten, aber der Mensch hat die Historie und die emotionale Landkarte. Das ist dein einziger Schutzschild gegen Halluzinationen.

Der blinde Fleck im Recruiting

Jetzt nickst du wahrscheinlich. Du denkst an deine eigenen Projekte und sagst dir: „Ja, genau solche Leute brauche ich! Leute mit Instinkt. Leute, die den Kontext riechen.“

Viel Glück.

Die harte Wahrheit ist: Mit deinem aktuellen Recruiting-Prozess wirst du diese Menschen nicht finden. Schlimmer noch: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dein Prozess sie systematisch aussortiert.

Warum? Weil unsere Hiring-Maschinen – ob menschlich oder automatisiert – fast ausschließlich darauf programmiert sind, Explizites Wissen zu scannen.

Wir suchen nach Stichworten in Lebensläufen. Wir suchen nach Zertifikaten, die bestätigen, dass jemand einen Kurs besucht hat. Wir lassen uns von perfekt formulierten Anschreiben blenden. Wir suchen nach der polierten Spitze des Eisbergs.

Aber in einer Welt, in der jeder Junior mit Zugang zu GPT ein eloquentes Anschreiben und einen lückenlosen Lebenslauf generieren kann, ist dieser Scan wertlos geworden. Du suchst nach Signalen, die keine mehr sind.

Das Ende der Papierform

Um diesen Fehler zu vermeiden, müssen wir eine radikale Unterscheidung treffen. Wir müssen unterscheiden zwischen Credentials (Scheine/Papierform) und Capabilities (Echten Fähigkeiten).

Ein Lebenslauf ist im Grunde eine Inventarliste von Explizitem Wissen. Er listet auf, was jemand in der Vergangenheit gelernt hat. In einer Welt vor der KI war das ein guter Indikator für Kompetenz. Heute ist es wertlos, denn Faktenwissen ist ein Commodity geworden.

Und das Anschreiben? Ein eloquentes Motivationsschreiben beweist dir heute nicht mehr, dass ein Kandidat strukturiert denken oder brillant formulieren kann. Es ist zu 99 % synthetischer Text. Es beweist nur noch eines: Dass der Kandidat einen Account bei OpenAI besitzt.

Die harte Konsequenz lautet: Das Papier lügt.

Wer heute noch nach „Aktenlage“ einstellt, kauft die Katze im Sack. Du stellst jemanden ein, dessen digitale Fassade makellos glänzt. Du holst dir jemanden, der fantastisch prompten kann (technischer Skill). Aber du merkst erst drei Monate später, dass ihm die Substanz (Tacit Knowledge) fehlt, um das Ergebnis der KI überhaupt bewerten zu können.

Vom Wissen zum Urteil

Wir steuern auf eine massive Krise der Kompetenz-Bewertung zu.

Wenn du dein Unternehmen wirklich zukunftssicher machen willst, musst du eine harte Entscheidung treffen: Hör auf, Kandidaten danach zu bewerten, ob sie die „richtige Antwort“ geben können.

Die „richtige Antwort“ ist heute ein Commodity. Die KI liefert sie schneller, präziser und billiger als jeder Mensch. Wenn du Menschen dafür bezahlst, Antworten zu geben, bezahlst du zu viel.
Wir müssen anfangen, das zu testen, was übrig bleibt: Instinkt, Urteilskraft und Charakter.

Wir müssen aufhören zu fragen: „Was weißt du auswendig?“ Wir müssen anfangen zu beobachten: „Wie navigierst du im Nebel, wenn das Tool schweigt? Welche Fragen stellst du, um zur Wahrheit zu kommen?“

Die Qualität eines Experten zeigt sich in den nächste Jahren nicht mehr in seinen Antworten. Sie zeigt sich in der Qualität seiner Fragen an die Maschine.

Der Nachhall

Vielleicht müssen wir den Begriff „Führung“ neu definieren.

Im letzten Jahrzehnt war unsere Hauptaufgabe das Wissensmanagement. Wir wollten Informationen sammeln, sortieren und verteilen. Im Jahr 2026 ist das nicht mehr unser Job. Das erledigen die Maschinen.

Unsere wichtigste Aufgabe als Führungskräfte ist heute nicht mehr, Wissen zu verwalten, sondern Intuition zu kultivieren.

Stell dir dein Unternehmen als einen lebenden Organismus vor. Die künstliche Intelligenz ist das Nervensystem. Sie ist schnell, elektrisch, sie leitet Signale in Lichtgeschwindigkeit weiter. Sie sorgt für Effizienz. Aber das Tacit Knowledge – die Erfahrung deiner Veteranen, das Bauchgefühl deiner Experten – ist das Immunsystem. Es ist alt, es ist weise, und es ist das Einzige, was den Organismus schützt, wenn ein unbekannter Virus eindringt.

Ein Körper ohne Nervensystem ist gelähmt. Aber ein Körper ohne Immunsystem ist tot. Albert Einstein mahnte uns bereits:

"Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat."

Ich möchte dich mit einem Gedanken entlassen, der vielleicht unbequem ist:

Wenn du morgen früh in dein Büro kommst und das Internet für den Rest des Tages abschalten müsstest – welche deiner Mitarbeiter wüssten noch, was zu tun ist? Wer könnte navigieren, ohne auf den blauen Pfeil zu starren?

Finde diese Menschen. Halte sie fest. Sie sind deine Versicherung gegen die Beliebigkeit.

FAQ - Vertiefung: Fragen an den Architekten

Oft werde ich gefragt, was diese Analyse für die tägliche Praxis bedeutet. Hier sind die wichtigsten Antworten für die Transformation.

1. Ist Fachwissen jetzt wertlos geworden?

Nein. Explizites Wissen (Fachwissen) ist nach wie vor das Fundament. Aber es hat seinen Status als Alleinstellungsmerkmal verloren. Es ist zur "Hygienefaktor" geworden: Du musst es haben, um überhaupt mitspielen zu können, aber du gewinnst damit nicht mehr das Spiel. Der Wettbewerbsvorteil verlagert sich von "Wer weiß mehr?" zu "Wer versteht tiefer?".

2. Bedeutet das, ich sollte keine Junioren mehr einstellen?

Im Gegenteil. Aber du musst sie anders ausbilden. Der Fehler wäre, Junioren sofort alle KI-Tools zu geben, um Effizienz zu maximieren. Damit raubst du ihnen die Chance, Tacit Knowledge aufzubauen. Junioren brauchen "Schlamm-Zeit" – Phasen, in denen sie Dinge manuell lösen müssen, um den mentalen Muskel zu trainieren. Erst wer den Prozess beherrscht, darf ihn automatisieren.

3. Wie kann ich "Tacit Knowledge" überhaupt messen?

Nicht im Lebenslauf. Du erkennst es nur in der Simulation. Gib einem Kandidaten ein Problem, das keine eindeutige Lösung hat (ein Dilemma) und lass ihn laut denken. Beobachte nicht das Ergebnis, sondern wie er mit Unsicherheit umgeht. Nutzt er Analogien aus der Vergangenheit? Stellt er Fragen zum Kontext? Das sind die Indikatoren für implizites Wissen.

4. Wird die KI nicht irgendwann auch "Tacit Knowledge" lernen?

Vielleicht. Aber Tacit Knowledge ist tief in unserer Biologie, unserer Sozialisierung und unserem Körper verankert ("embodied knowledge"). Eine KI hat keinen Körper, keine Angst vor Verlust und keine soziale Reputation zu verlieren. Sie kann Empathie simulieren, aber nicht fühlen. Dieser Unterschied wird uns noch lange einen Vorsprung in allen Bereichen geben, die Vertrauen und Nuancen erfordern.

5. Sind "Prompt Engineers" die Lösung für mein Unternehmen?

Vorsicht mit diesem Begriff. "Prompting" ist ein technischer Skill, wie Tippen. Was du wirklich suchst, sind "Context Engineers" – Menschen, die vielleicht technisch gar nicht die besten Prompts schreiben, aber die genau wissen, warum sie etwas fragen und wie sie die Antwort in die Unternehmensstrategie einbetten.

6. Wie verhindere ich "Agency Decay" in meinem Team?

Führe "analoge Wochen" oder "Manual-Mode-Sprints" ein. Zwinge dein Team regelmäßig, Strategien oder Texte ohne KI zu entwerfen. Das wird sich am Anfang ineffizient und schmerzhaft anfühlen. Aber genau dieser Schmerz ist das Training, das die geistige Muskulatur erhält.

Suchst du Unterstützung, um deine Marke auf die nächste Stufe zu heben?

Dann lass uns gemeinsam an deinem Branding arbeiten. Ich biete dir ein klares Strategiekonzept, das technologische Innovation mit einem authentischen Markenauftritt verbindet – damit du in der Wahrnehmung deiner Zielgruppe immer einen Schritt voraus bist.
Bild von Martin Kalinowski

Martin Kalinowski

Ich bin der Gründer von PlasticSurf. Als Digital Strategy Consultant entwickle ich für Unternehmen ganzheitliche Digitalstrategien und Lösungskonzepte für deren individuelle Herausforderungen. Schon lange fasziniert mich die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und ihre Auswirkungen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Themenwelten Design, Digital-Strategie & Transformation, Digital Marketing und Künstliche Intelligenz mit dem Ziel, diese Themenwelten miteinander zu verknüpfen und den größtmöglichen Nutzen für Unternehmen zu erzielen.