Vitra Design Museum in Weil am Rhein

Ein Stuhl, der die Welt verändern will

Über einen Nachmittag in Weil am Rhein, ikonische Möbel und die eine Frage, die jedes gute Produkt beantworten muss.

Martin Kalinowski
14. Juni 2023
8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Juli 2026

Es gibt diesen Moment, kurz bevor du verstehst, was du da eigentlich ansiehst.

Ich stand in einer schlichten Halle in Weil am Rhein, vor einer Wand aus Stühlen. Hundert, zweihundert, irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Holz, Stahlrohr, Schaum, Kunststoff: die halbe Geschichte des Sitzens, nach Jahrzehnten geordnet. Und bei einem blieb ich hängen. Rot, geschwungen, aus einem einzigen Guss, als hätte ihn jemand in einer flüssigen Bewegung aus dem Boden gezogen.

Ich kannte ihn. Jeder kennt ihn.

Nur hatte ich ihn nie wirklich gesehen.

Das Vitra Design Museum ist nicht der Ort, an dem Design hinter Glas gelegt wird wie ein Schmuckstück. Es ist der Ort, an dem Design sich selbst befragt. Warum überdauert ein Stuhl aus den Sechzigern ein ganzes Jahrhundert, während ein anderes Möbelstück schon im Ausstellungsraum von gestern wirkt? Warum wird aus dem einen eine Ikone und aus dem anderen Sperrmüll?

Das ist die Frage, die dieser Ort stellt. Und sie hat wenig mit Geschmack zu tun.

Sie hat mit einer Entscheidung zu tun, die man am Anfang trifft und bis zum Ende durchhält. Das wird am Schluss klarer sein als jetzt. Versprochen.

Kurz erklärt

Vitra Campus

Der Vitra Campus ist das Werksgelände des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein, direkt an der Grenze zu Basel. Ungewöhnlich ist, was hier neben der Produktion steht: Nach einem Großbrand 1981 lud der damalige Firmenchef Rolf Fehlbaum nicht einen, sondern viele der bedeutendsten Architekten der Welt ein, das Gelände zu bebauen. Entstanden ist eine der dichtesten Sammlungen zeitgenössischer Architektur überhaupt: Fabrik, Museum, Ausstellungshaus und Garten auf wenigen Hektar. Der Campus ist damit kein Firmengelände mit Museum, sondern ein begehbares Argument dafür, dass Gestaltung und Herstellung zusammengehören.

Ein Brand als Bauplan

1981 brennt ein großer Teil der Produktion ab. Die naheliegende Antwort wäre schnell, günstig, identisch: wieder aufbauen, was da war, und weitermachen. Fehlbaum entscheidet sich anders. Statt einen einzigen Generalplan über das Gelände zu legen, holt er unterschiedliche Handschriften darauf und lässt zu, dass ein Fabrikgelände zu etwas wird, das man so noch nicht gesehen hatte.

Für viele Architekten war es ein erstes Mal. Der Museumsbau war Frank Gehrys erstes Gebäude in Europa. Zaha Hadids Feuerwehrhaus war ihr allererster fertiggestellter Bau überhaupt. Tadao Andos Konferenzpavillon sein erstes Werk außerhalb Japans. Der Vitra Campus ist damit auch ein Archiv der Anfänge, ein Ort, an dem mehrere Karrieren ihren ersten gebauten Satz gesprochen haben.

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass es teuer war. Das Bemerkenswerte ist, dass jemand eine Entscheidung darüber traf, was dieser Ort bedeuten soll, und sie durchhielt, obwohl der bequeme Weg danebenlag. Genau diese Sturheit werden wir gleich in einem einzigen Stuhl wiederfinden.

Wenn das Haus zum Objekt wird

Gehrys Museumsbau macht es vor. Weiße, ineinander geschobene Formen, kurvig, fast in Bewegung, ein Gebäude, das sich nicht bescheiden hinter seinen Inhalt zurücknimmt. Es steht nicht um die Ausstellung herum. Es ist eine Aussage, noch bevor du eingetreten bist.

Und hier wird es interessant für jeden, der über Marken und Verpackung nachdenkt. Ein Museumsbau, der die Exponate nur neutral einhaust, würde verschwinden. Korrekt, unsichtbar, vergessen. Gehrys Bau tut das Gegenteil: Die Form trägt selbst eine Haltung. Sie ist nicht die Hülle um den Wert. Sie ist Teil des Werts.

Der Umkehrschluss ist unbequem: Eine glänzende Hülle ohne Substanz dahinter fällt irgendwann auf, wie das Plastikobst, das im Regal perfekt aussieht und innen nichts ist. Bei Gehry ist beides deckungsgleich: Was das Gebäude verspricht, hält sein Inhalt.

Dass ausgerechnet ein Möbelhersteller so baut, ist kein Zufall. Es ist Programm.

"It is possible to change the world by chairs and furniture. It seems silly, but we believe it."
— Rolf Fehlbaum

Ein Satz, der zu groß klingt für einen Stuhl. Fehlbaum weiß das, „it seems silly“ sagt er selbst. Und meint es trotzdem ernst. Wenn ein Unternehmen glaubt, dass Alltagsgegenstände die Welt verändern können, dann baut es keine Lagerhalle. Dann baut es einen Ort, an dem der Alltag ernst genommen wird. (Quelle: „Introduction to Vitra“, Interview, 2012.)

Vom Gebäude, das eine Haltung trägt, führt der Weg nun nach unten, zum kleinsten Objekt, das denselben Anspruch erhebt. Zum Stuhl. Und dort beginnt die Frage nach dem Material.

Was ein Stuhl über sich verrät

Im Schaudepot steht die Materialgeschichte des Möbels in einer langen Reihe: gebogenes Holz aus dem 19. Jahrhundert, der geschwungene Stahlrohr-Freischwinger der Zwanziger, dann der Kunststoff. Jeder Sprung war nie nur ein neuer Look. Er war eine neue Antwort auf die Frage: Woraus machen wir das eigentlich, und wie?

Kurz erklärt

Schaudepot

Das Schaudepot ist ein eigenes Gebäude auf dem Campus (von Herzog & de Meuron, 2016), das die Sammlung nicht kuratiert-sparsam, sondern als offenes Depot zeigt: Hunderte Möbelstücke stehen dicht an dicht in Regalen, chronologisch geordnet. Statt einzelner Highlights hinter Glas siehst du die ganze Entwicklungslinie auf einmal, vom frühen Bugholzstuhl bis zum 3D-gedruckten Experiment. Das macht Zusammenhänge sichtbar, die eine klassische Ausstellung verstecken würde: wie ein Material das nächste ablöst, und warum.

Und dann steht da der Panton Chair. Der erste Freischwinger, der aus einem einzigen Stück Kunststoff geformt wurde. Keine Schrauben, keine angesetzten Beine, keine Fuge. Eine einzige Bewegung, vom Boden bis zur Lehne. Möglich wurde das erst, als Material und Technik der Idee endlich nachkamen.

Hier lohnt Genauigkeit, denn die Geschichte wird gern glattgebügelt. Der Panton Chair, den wir heute als „unverwüstlich und voll recycelbar“ feiern, ist die Polypropylen-Version von 1999. Die frühen Ausführungen aus den späten Sechzigern waren aus anderen Kunststoffen und hatten Probleme: Sie konnten verziehen oder brechen. Die Idee des Ein-Material-Stuhls war Jahrzehnte da, bevor das Material sie ehrlich einlösen konnte.

Das ist keine Fußnote. Das ist der Kern.

Plastik, das bleiben soll

Fehlbaums Gedanke dazu ist unbequem einfach. Ein Stuhl aus einem Material ist vollständig recycelbar: einschmelzen, neu formen, fertig. Ein Stuhl aus vielen Materialien (Schaum, Metall, Kleber, Textil) muss vor dem Recycling erst zerlegt werden. Und das passiert meistens nicht. Also landet er, trotz bester Absicht, im Restmüll.

Die Entscheidung für ein einziges Material ist damit keine Stilfrage. Sie ist eine Entscheidung über das ganze Leben des Objekts, bis zu seinem Ende.

Sinngemäß sagt Fehlbaum: So sollte Kunststoff eingesetzt werden, als Produkt, das sehr lange existieren wird. Nicht das Plastik des Wegwerfbechers. Das genaue Gegenteil davon. (Sinngemäß aus einem Interview mit Rolf Fehlbaum und Mateo Kries; Übersetzung.)

Und damit sind wir bei dir. Verantwortung beginnt nicht hinten, beim Recycling-Logo auf der Unterseite. Sie beginnt vorn, bei der ersten Entscheidung: welches Material, wie viele davon, und ob du sie bis zum Ende durchhältst. Ist dein Produkt eine einzige ehrliche Entscheidung? Oder ein Kompromiss, zusammengeklebt aus Teilen, die am Ende niemand mehr sauber trennen kann?

Warum ich ihn nie gesehen hatte

Jetzt weiß ich, warum ich vor diesem roten Stuhl hängen geblieben bin, ohne ihn je wirklich gesehen zu haben. Ich hatte ihn immer für eine schöne Form gehalten. Er ist aber keine Form. Er ist eine Entscheidung, die in jeder Faser dieselbe bleibt.

Das ist der Unterschied zwischen einem Produkt, das man kauft, und einem, das man hundert Jahre lang aufhebt. Nicht der Preis. Nicht der Look. Die eine Idee, die vom ersten Entwurf bis zum letzten Detail nicht verwässert wurde.

Ein gutes Objekt ist keine Ansammlung von Teilen. Es ist ein Gedanke, den jemand bis zum Ende durchgehalten hat.

Und deshalb bleibt am Ende eine Frage, die sich schwerer abschütteln lässt, als sie klingt: Welches deiner Produkte stünde in hundert Jahren noch hinter Glas, und welches wäre bis dahin längst in seine Einzelteile zerfallen?

Häufige Fragen zum Vitra Design Museum

Was macht das Vitra Design Museum besonders gegenüber anderen Designmuseen?

Es zeigt Design nicht nur als schöne Objekte, sondern fragt nach dem Warum dahinter und steht mitten auf einem Werksgelände, das selbst zu einer der dichtesten Architektursammlungen der Welt geworden ist. Museum, Fabrik und Architektur an einem Ort.

Warum steht so viel berühmte Architektur auf einem Fabrikgelände?

Nach einem Brand 1981 lud Rolf Fehlbaum viele Spitzenarchitekten ein, statt einheitlich und schnell wieder aufzubauen. So wurde der Campus zum Freilichtmuseum zeitgenössischer Architektur, mit auffällig vielen ersten Bauten großer Namen.

Was ist der Unterschied zwischen dem Hauptbau und dem Schaudepot?

Der Gehry-Bau zeigt große Wechselausstellungen. Das Schaudepot ist die offene Dauerpräsentation der Sammlung: hunderte Möbelstücke chronologisch im Regal, die ganze Entwicklungslinie auf einen Blick.

Warum gilt der Panton Chair als Meilenstein?

Er war der erste Freischwinger aus einem einzigen Stück Kunststoff, ohne Fugen, ohne angesetzte Beine. Eine Idee, die erst Wirklichkeit wurde, als Material und Technik so weit waren.

Was bedeutet „Monomaterial", und warum zählt es für Nachhaltigkeit?

Ein Produkt aus einem einzigen Material lässt sich vollständig recyceln: einschmelzen, neu formen. Ein Objekt aus vielen verklebten Materialien muss erst zerlegt werden und landet meist im Restmüll. Die Materialentscheidung am Anfang bestimmt das Ende.

Für wen lohnt sich ein Besuch, und mit welcher Haltung?

Für alle, die Design nicht nur schön finden, sondern verstehen wollen, warum etwas hält. Am meisten nimmst du mit, wenn du dir Zeit für die Sammlung nimmst und nicht nur die Architektur von außen betrachtest.